Dreidimensionale Skoliosetherapie nach Katharina Lehnert Schroth

Skoliose

Skoliose (altgriechisch: σκολιός, skolios „krumm“) ist eine Seitverbiegung der Wirbelsäule, bei gleichzeitiger Rotation der Wirbel, welche nicht mehr vollständig aufgerichtet werden kann. Die Wirbelsäule bildet dabei in der Regel mehrere, einander gegenläufige Bögen, die sich kompensieren, um das Körpergleichgewicht aufrecht zu erhalten (S-Form). Eine bestehende Seitwärtsverbiegung ohne entsprechende Verdrehung ist jedoch keine Skoliose im engeren Sinn.

Ursachen 

Idiopathische Skoliose 

Etwa 80% aller Skoliosen sind idiopathischen Ursprungs, d.h. ihre Ursache ist nicht bekannt (griech. idios = eigen, pathos = Leiden, idiopathisch = selbstständiges Leiden, ohne erkennbare Ursache entstanden). Die idiopathische Skoliose bildet sich vor allem in Zeiten starken Wirbelsäulenwachstums aus ihrer Vorstufe, der skoliotischen Fehlhaltung, heraus, und verschlechtert sich während des Wachstums mit steigender Gradzahl zunehmend schnell, weshalb die idiopathische Skoliose auch als eine Wachstumsdeformität bezeichnet wird.

Von der idiopathischen Form der Skoliose sind bei Verbiegungen ab 15 Grad nach COBB Mädchen etwa viermal so häufig betroffen wie Jungen. 

Die idiopathische Form der Skoliose tritt oft familiärer gehäuft auf. Ein Vererbungsmechanismus ist jedoch nicht erkennbar. Das Risiko eine idiopathische Skoliose zu entwickeln beträgt 7%, wenn eine Skoliose bei einem Verwandten ersten Grades vorliegt, 3,7 % bei einem Verwandten zweiten Grades und 1,6% bei einem Verwandten dritten Grades. Liegt gleichzeitig bei einem Geschwister- und Elternteil eine Skoliose vor, liegt das Risiko als Mädchen, selbst eine leichte Skoliose von 10 bis 20 Grad zu entwickeln, bei 42%, als Junge bei 7%.

Für Skoliosen größer als 20 Grad beträgt es für Mädchen 11%, für Jungen 3%. 

Es werden eine Vielzahl möglicher Ursachen diskutiert, darunter Bindegewebsschwäche, hormonelle Ungleichgewichte, ungleichmäßige nervliche Erregung des Rückenmarks, die zu einem asymmetrischen Muskel- und Wirbelsäulenwachstum führen oder bereits während der Geburt erworbene Fehlstellungen des Kopfgelenkes (Kiss-Syndrom). Von allen vermuteten Auslösern kommt jedoch bisher keiner als alleinige Ursache in Frage, weshalb davon ausgegangen wird, dass die Entstehung der idiopathischen Skoliose multifaktoriell ist, d.h. mehrere Faktoren dazu beitragen. 

Idiopathische Skoliosen werden nach dem Zeitpunkt ihres Erstauftretens wie folgt eingeteilt:

  • infantile Skoliosen: 0 - 3 Jahren
  • juvenile Skoliosen: 4 - 9 Jahren
  • adoleszente Skoliosen: 10 - 18 Jahren

Die Adoleszentenskoliose macht mit 80% den weitaus größten Teil der idiopathischen Skoliosen aus. 

Sekundäre Skoliosen 

Eine Skoliose, deren Ursache bekannt ist und die auf eine andere Erkrankung oder Abnormität zurückzuführen ist, wird als sekundäre Skoliose bezeichnet. Etwa 20% aller Skoliosen fallen unter diese Kategorie. Eigenschaften, Verlauf und Therapiemöglichkeiten unterscheiden sich oft stark von denen der idiopathischen Skoliose, in vielen Fällen sind sie jedoch auch nahezu oder vollkommen identisch. Letzteres ist insbesondere der Fall, wenn der Auslöser nicht-veränderlich ist (z.B. Halb- oder Blockwirbel) und selbst keine Progredienz (Fortschreiten) verursacht. Das Fortschreiten der Skoliose erfolgt dann nach den gleichen Mechanismen, wie bei der idiopathischen Skoliose.

Die sekundären Formen der Skoliose müssen - je nach Krankheitsbild - nicht immer mit einer Rotation einhergehen.
Kongenitale Skoliose (Fehlbildungsskoliose) - angeborene Skoliosen durch vorgeburtliche Entwicklungsstörungen, wie Fehlbildungen von Wirbeln (Halb- und Blockwirbel) und Rippen

  • Myo- und Neuropathische Skoliose - durch Erkrankungen, die mit einer Schädigung von Muskulatur und Nervensystems einhergehen (z.B. Friedreichsche Ataxie, Poliomyelitis, Muskeldystrophie, angeborene Muskelhypotonie, Muskelatrophie, Arthrogryposis multiplex congenita, Charcot-Marie-Tooth-Krankheit, Meningomyelocele, Infantile Zerebralparese, Neurofibromatose von Recklinghausen, traumatische oder neoplastische Lähmung)
  • Mesenchymale Skoliose - durch Erkrankungen des Bindegewebes (z.B. Marfan-Syndrom, Ehlers-Danlos-Syndrom, Osteochondrodysplasien, Arachnodaktylie) und durch schwere Narbenbildung
  • Metabolische Skoliose - durch Erkrankungen des Knochenstoffwechsels (z.B. jugendliche Osteoporose, Rachitis, Glasknochenkrankheit)
  • Radiogene Skoliose - als Folge einer Strahlentherapie im Kindesalter
  • Posttraumatische Skoliose - durch schwere Gewalteinwirkung oder Amputationen (z.B. bei Unfällen, Tumoroperationen)
  • Statische Skoliose - z.B. durch unterschiedliche Beinlängen
  • Entzündliche Skoliose - durch schwere Entzündungen im Bereich der Wirbelkörper
  • Degenerative Skoliose - durch Bandscheibenverschleiß im Erwachsenenalter

Verschiedene Arten von Skoliose

Skoliosen lassen sich nach dem Zeitpunkt des Auftretens unterscheiden. Die etwa zwischen dem ersten und dem zweiten Lebensjahr auftretende Skoliose wird als infantile idiopathische Skoliose bezeichnet. Eine Skoliose, welche zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr auftritt, bezeichnet man als juvenile idiopathische Skoliose. Die spät, meist zwischen dem zehnten und vierzehnten Lebensjahr, auftretende Skoliose nennt man idiopathische Adoleszentenskoliose.
Nach den verschiedenen Krümmungen wird grob zwischen Brustkorbkrümmungen (Thorakalskoliosen), Lendenkrümmungen (Lumbalskoliosen), Brustkorb-Lendenkrümmungen (Thorakolumbalskoliosen) oder Doppel-S-Krümmungen (engl. Double Major) unterschieden.
In der dreidimensionalen Therapie n. K.Schroth werden die Skoliosen in 3bogige, 3bogige mit Hüftbeteiligung und 4bogige  Skoliosen eingeteilt.

Bestimmung des Skoliosewinkels nach John Robert Cobb

Skoliose wird in der Früherkennung am besten durch einen Vorbeugetest festgestellt. Dabei neigt sich der Patient mit locker hängenden Armen nach vorne. Eine zweite Person blickt von hinten über die Wirbelsäule und erkennt eventuelle Asymmetrien wie Hüftprominenz, einseitig erhöhte Rippen oder Schulterblätter, verkrümmter Verlauf der Wirbelsäule.
Die Wirbelsäulenverkrümmung wird anhand eines Röntgenbildes der ganzen Wirbelsäule im Stehen vermessen. Bei der Aufnahme eines solchen Röntgenbildes von vorne wird der Krümmungswinkel gemessen. Mögliche Rippen- oder Wirbelfehlbildungen können so erkannt werden.

Durch diese Information kann eine idiopathische Skoliose beziehungsweise eine angeborene Skoliose diagnostiziert werden. Bei der Aufnahme von der Seite lässt sich zudem erkennen, ob in dieser Ebene Wirbelfehlbildungen vorliegen bzw. ob in diesem Bereich der Brustwirbelsäule ein Hohlrücken vorhanden ist.

Röntgenuntersuchungen der Wirbelsäule sollten aus Gründen des Strahlenschutzes nicht häufiger als einmal pro Jahr stattfinden. Da sich skoliotische Wirbelsäulen speziell in der Pubertät häufig dramatisch verschlechtern können (Progredienz), sollten dazwischen strahlenfreie Untersuchungsmethoden angewendet werden, wie zum Beispiel die Skoliometermessung nach William P. Bunnell, die dreidimensionale lichtoptische Vermessung des Rückenprofils, dreidimensionale Vermessung der Wirbelsäule mit sogenanntem Mausfinger (computergestützter Berührungssensor), oder eine Sichtkontrolle durch erfahrene Orthopäden.

Zusätzlich zu den oben erwähnten Messverfahren sollte man folgende Verfahren jedoch nicht außer Acht lassen: Die Ermittlung der Körpergröße im Sitzen und im Stehen, die Ermittlung des Körpergewichts und die Ermittlung des Atemvolumens sind für die Bestimmung der Krümmung und für eine optimale Therapie von enormer Bedeutung.
Äußere Symptome

Da gering gradige Skoliosen selten mit Schmerzen verbunden sind, werden sie meist nur zufällig entdeckt. Äußere Zeichen sind:

  • ungleich hohe Schultern
  • ungleich hohe Hüften, heraustehende (prominente) Hüfte, Verdrehung des Beckens gegen den Rumpf
  • ungleichmäßige Taillendreiecke
  • Rippenbuckel, Lendenwulst (einseitig stark ausgeprägte Lendenmuskulatur)
  • seitlicher Rumpfüberhang (Abweichung aus dem Lot)
  • prominentes (heraustehenes) Schulterblatt
  • schräge Kopfhaltung
  • nicht gerader Verlauf der Dornfortsatzreihe

Therapie der Skoliose

Je nach Schwere der Skoliose kommt hierfür vor allem Physiotherapie nach Katharina Schroth oder Vojta, Korsetttherapie (Chêneau-Korsett) oder eine wirbelsäulenversteifende Operation (Spondylodese) in Frage.

Dreidimensionale Behandlung n. K.Schroth

Was bedeutet „dreidimensionale Skoliosebehandlung?“

Bei Skoliose ist der Rumpf auf dreidimensionale Weise verformt. Das muss sowohl der Patient als auch der Therapeut erkennen bzw. wissen. Deshalb werden die Patienten zunächst in die theoretischen Schroth`schen Gedankengänge eingeführt. Sie sehen Ihre Fehlform zwischen den Spiegeln und bekommen Erklärungen, wie diese dreidimensionale Fehlform wieder rückgängig gemacht werden kann unter der Vorstellung, das Gegenbild zu schaffen von dem, was der Körper augenblicklich zeigt. (Zitat K.L.Schroth)

Das Konzept umfasst die Schrothschen Korrekturprinzipien, die in jede Übung, die immer mit einer gezielten, gelenkten Atmung einhergehen, eingebaut werden. Die aktive Aufrichtung kann mit oder ohne Geräte erfolgen. Die Haltungskorrektur berichtigt sowohl die Seitlichen Verschiebungen wie auch die Konturen der Vorder- und Rückseite des Patienten. Das soll bis zur so genannten Überkorrektur gelangen. Die Dreh-Winkel-Atmung, die in den bekannten drei Richtungen entlang Schenkel eines gedachten rechten Winkels erfolgt, weitet die Konkavitäten und nutzt die Rippen als lange Hebelarme zum Entdrehen des Rippenkorbes.

Literatur

Hans R. Weiß: Ich habe Skoliose. Ein Ratgeber für Betroffene, Angehörige und Therapeuten. 5., überarb. u. erw. Auflage. Richard Pflaum Verlag